Wie Software Maschinenbau flexibler macht
Koenig & Bauer und Siemens entwickeln gemeinsam eine neue Maschinenarchitektur, die komplexe Druck- und Verpackungsanlagen stärker über Software steuerbar machen soll. Im Mittelpunkt steht der Übergang zu einer objektorientierten IT-Struktur, die Maschinenfunktionen in modulare, hardwareunabhängige Bausteine übersetzt. Für die Industrie ist das relevant, weil sich damit Engineering, Inbetriebnahme, Wartung und spätere Erweiterungen enger miteinander verzahnen lassen.
Vom klassischen Steuerungskonzept zur softwaredefinierten Maschine
Die beiden Unternehmen arbeiten im Rahmen einer mehrjährigen Partnerschaft an Maschinenkonzepten der nächsten Generation. Anders als bei rein konzeptioneller Vorarbeit wird das Projekt direkt an einem Rapida 106 Prototypen umgesetzt und überprüft. Dieser Ansatz verbindet Entwicklung und praktische Erprobung in kurzen Schleifen und soll zeigen, wie sich zentrale Funktionen wie Synchronität im Maschinen- und Bogenlauf, Waschprogramme oder die Taktung im Positionierprozess in Echtzeit steuern lassen.
Im Zentrum steht das Konzept des Advanced Machine Engineering. Gemeint ist ein Entwicklungsansatz, bei dem mechanische Leistung und moderne Softwarearchitektur systematisch zusammengeführt werden. Als Entwicklungsumgebung dient die hochsprachenbasierte Plattform SIMATIC AX von Siemens. Die Projektpartner verfolgen damit das Ziel, eine zukunftsfähige Softwarestruktur auf Basis moderner und normkonformer Programmiersprachen aufzubauen.
Warum modulare Software für den Maschinenbau wichtig ist
Die technische Logik hinter dem Vorhaben ist für den Hochleistungsmaschinenbau nachvollziehbar: Komplexe Maschinenfunktionen werden mit objektorientierter Programmierung in einzelne Software-Objekte zerlegt. Diese Bausteine sind hardwareunabhängig angelegt und können als standardisierte Module für Serienmaschinen ebenso genutzt werden wie für kundenspezifische Anlagen. Auf dieser Basis entsteht eine skalierbare Software-Bibliothek, die Entwicklungsaufwand senken und die Wiederverwendung von Funktionen erleichtern kann.
Für Koenig & Bauer ist dies Teil einer langfristigen Technologiestrategie. Das Unternehmen betont, dass aktuelle Anlagen weiterhin den Maßstab bei Produktivität setzen sollen, während die Softwarearchitektur zugleich auf die nächste Dekade ausgerichtet wird. Siemens verweist auf die enge Verbindung von IT-Werkzeugen und mechanischer Leistung im Spitzenbereich des Maschinenbaus. Die Kooperation dient damit nicht nur einem einzelnen Projekt, sondern der Definition künftiger Standards im Maschinenbau.
Welche operativen Funktionen dadurch stärker vernetzt werden
Die neue Architektur soll über die Steuerung der Maschine hinaus wirken. Durch tiefere Datenintegration entstehen Voraussetzungen für ein lückenloses Echtzeit-Monitoring und für vorausschauende Instandhaltung über das myKyana Serviceportal. Zudem wird der Einsatz digitaler Zwillinge genannt, also virtueller Modelle, mit denen sich Inbetriebnahmen bereits vor der physischen Fertigung vorbereiten lassen.
Auch das Lebenszyklus-Management wird durch die offene Architektur erweitert. Vorgesehen sind vorzertifizierte Safety-Bibliotheken sowie die Möglichkeit, digitale Maschinenfunktionen künftig per Remote-Zugriff als Features on Demand zu aktivieren. Für Betreiber bedeutet das eine stärkere Entkopplung von Hardware und Funktionalität. Maschinen können damit potenziell flexibler an Produktionsanforderungen angepasst werden, ohne dass jede Veränderung zwangsläufig einen tiefen mechanischen Umbau erfordert.
Ein Projekt mit Blick auf Fachkräftemangel und Skalierbarkeit
Die Kooperation wird auch vor dem Hintergrund des weltweiten Mangels an spezialisierten Automatisierungsexpert:innen eingeordnet. Wenn Softwarebausteine standardisiert und besser wiederverwendbar sind, kann das Engineering strukturierter und weniger abhängig von einzelnen Spezialkenntnissen werden. Für industrielle Unternehmen ist das ein wichtiger Punkt, weil die Verfügbarkeit von Fachkräften zunehmend zu einem Faktor für Geschwindigkeit, Wartbarkeit und Skalierbarkeit wird.
Der Fahrplan des Projekts bleibt bewusst mehrstufig. Nach den aktuellen Entwicklungsphasen sind Industrieerprobungen im realen Marktumfeld vorgesehen, bevor eine Serienfreigabe erfolgt. Erste konkrete Automatisierungsfunktionen sollen auf der drupa 2028 erlebbar werden. Damit verbindet das Vorhaben unmittelbare Prototypenarbeit mit einem langfristigen Entwicklungshorizont.
Die wichtigsten Erkenntnisse zu Koenig & Bauer und Siemens
- Koenig & Bauer und Siemens entwickeln eine softwaredefinierte Maschinenarchitektur auf Basis objektorientierter Programmierung und SIMATIC AX.
- Die Lösung soll Maschinenfunktionen modularisieren, Datenintegration verbessern und Perspektiven für Monitoring, Predictive Maintenance und digitale Zwillinge schaffen.
- Das Projekt adressiert zugleich den Fachkräftemangel im Automatisierungsumfeld und zielt auf eine langfristig skalierbare Plattform für künftige Maschinengenerationen.
Was Operations-Profis wissen sollten
Für operative Bereiche im Industrieumfeld zeigt das Projekt, wohin sich komplexe Anlagenarchitekturen entwickeln: weg von starren, rein hardwaregetriebenen Steuerungsmodellen hin zu flexibleren Softwarestrukturen. Das betrifft nicht nur die Konstruktion, sondern auch Inbetriebnahme, Service, Ersatzteilmanagement und spätere Erweiterbarkeit. Wenn Maschinenfunktionen modular aufgebaut sind, können Prozesse standardisierter und datengetriebener organisiert werden.
Für Produktions- und Werksleitungen ist besonders relevant, dass eine offene, objektorientierte Architektur die Voraussetzungen für schnellere Diagnose, virtuelle Testläufe und eine engere Kopplung zwischen Maschine und Service schafft. Das kann die Transparenz im Betrieb erhöhen und Wartungsprozesse besser planbar machen. Gleichzeitig wachsen die Anforderungen an die Qualität der Datenintegration und an die Disziplin im Lifecycle-Management, weil Software und Betriebstechnik enger zusammenrücken.
Auch aus Sicht der Supply Chain und des industriellen Anlagenbetriebs gewinnt der Ansatz an Bedeutung. Skalierbare Softwarebibliotheken können die Wiederverwendung von Funktionen erleichtern und damit Entwicklungs- und Anpassungsaufwände strukturieren. Die angekündigten Industrieerprobungen und der mehrjährige Fahrplan zeigen jedoch auch, dass der Übergang zu solchen Architekturen Zeit, Validierung und stabile Prozesse erfordert, bevor sie in die Serienanwendung übergehen.
Quelle: König & Bauer Presseinformation